Jugendstilbad in Siegen

Durch einen Bericht der Siegener Zeitung wurde am 06.10.17 öffentlich, dass das noch vorhandene Jugendstilbad für den Neubau einer Seniorenwohnanlage abgebrochen werden soll. Dem Zeitungsartikel war zu entnehmen, dass eine Planung jedoch noch nicht begonnen wurde.

In einer Mail an unseren Stadtbaurat Schumann hatte ich folgendes geschrieben:

„Guten morgen Herr Schumann,

der anhängende Artikel aus der SZ ist mir aufgefallen. Es muß sicher nicht alles erhalten bleiben was alt ist. In unserer Stadt Siegen müssen wir bekanntlich um jedes identifikationsstiftende und ggf. erhaltenswerte Gebäude ringen. Am Projektanfang, wo noch kein Strich getan ist, steht in diesem Fall, wie üblich in unserer Stadt schon fest, dass (das alte Jugendstilschwimmbad) abgerissen werden soll. Hierzu habe ich ein paar Gedanken und Anregungen zur Sache, die ich Ihnen auf diesem Wege mitteilen möchte.

Mir ist nicht bekannt in welchem Zustand sich das Jugendstilschwimmbad derzeit befindet – das sollte mit einem unvoreingenommenen, freundlichem Blick untersucht werden . Wenn es erhaltenswerte Teile, Strukturen an diesem Gebäude gibt, könnte eine Einbettung des Bauwerks überlegt werden:

Seniorenheime als Neubauten , wie sie heute überlicherweise gebaut werden haben m. E. einen grundsätzlichen, schwerwiegenden Mangel: Die psychischen Bedürfnisse der Bewohner werden oft von rein funktionalen Erfordernissen überlagert. Bei den Senioren handelt es sich zumeist um „entwurzelte“ Personen, die oft als Einzelperson aus gewohnten baulichen und familären Infrastrukturen in ein gänzlich neues Umfeld versetzt werden. In einem historischen Gebäude, dass mit gutem Willen und gestalterischer Geschicklichkeit in einen Neubau eingebettet wird liegt die seltene Chance eine „Idendifikationsbrücke“ für die Bewohner zu bauen. Vielleicht ist das Schwimmbad ja als Gemeinschafts-und Verwaltungsbereich zu verwerten? Das Grundstück ist mit 4000 qm ja nicht gerade winzig.

Zur Klärung lohnt sich wahrscheinlich ein Wettbewerb.

Viele Grüße“

Aus einem Gespräch mit Architekt Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Michael Lenhart entwickelte sich der Gedanke diese Aufgabe von Studierenden aus dem Department Architektur (Fakultät II) der Universität Siegen  ausarbeiten zu lassen.

Dieser wurde in Form von Masterarbeiten umgesetzt und am 22.09.18 in der Siegener Zeitung öffentlich. Prof. Michael Lenhart hat mich eingeladen die Präsentation als Gast zu kommentieren.

Ein paar Ideen der Studenten haben es verdient noch einmal verdeutlicht zu werden, was mit meinem am 02.10.18 in der Siegener Zeitung veröffentlichten Leserbrief erfolgte:

„Es ist toll dass die Siegener Zeitung den studentischen Arbeiten und dem Jugendstilbad einen so großen Rahmen gewährte! Zwei Punkte bedürfen der Erläuterung:

Es gibt nicht zu viele Kulturbauten, selbstverständlich kann es nicht genug davon geben. Die Nutzungsidee Kulturbau hat an dieser Stelle jedoch aus wirtschaftlichen Gründen wenig Potenzial für einen rentablen Erhalt des Jugendstilbades.

Bei den vorgestellten Entwürfen ging es sehr wohl ums Wohnen für Senioren. Hierfür wurde z.b. ein besonders zukunftsweisendes Konzept vorgestellt. Üblich ist bisher, dass die „Eltern -Generation“ aus ihrem gewohnten Wohnumfeld heraus in Gebäude umzieht, die im Wesentlichen nur die „altersgerechte“ und barrierefreie Unterbringung ermöglicht. Vom allgemeinen gesellschaftlichen Leben sind die Senioren separiert und folglich isoliert . Hier wurde ein inklusiver Gedanke präsentiert, der weit über die Durchmischung von Senioren mit anderen Generationsmodellen hinausgeht. Durch den Ergänzungsgedanken der öffentlichen Markthalle mit uferseitiger Bewirtung erfolgt eine zusätzliche gesellschaftliche Integration in das alltägliche Leben mit der weiteren Chance sich mit Tätigkeiten selber einzubringen. Die Idee der Markthalle erlaubt wegen geringerer energetischer Anforderungen eine sparsame und wirtschaftliche Umsetzung. Auch die bei einem Bauwerk aus der Zeit sicher fehlenden Sperren gegen aufsteigende Bodenfeuchte verlieren hier ihren Schrecken. Die nachträglich eingezogenen statisch unabhängigen Zwischendecken lassen sich ohne Einfluss auf das eigentliche Gebäudetragwerk zurückbauen damit die gedachte Markthalle entstehen kann .

Das Gesamtprojekt hat m.E. das Potential zu einem weiteren besonders wertvollen, identitätsstiftenden Ort der Stadt Siegen. Das Siegufer könnte nach Siegen zu Neuen Ufern eine weitere innenstadtnahe, zusätzlich über Fuß- oder Fahrradweg, erreichbare Attraktion erhalten. Die studentischen Arbeiten haben in der Summe der Einzelergebnisse aufgezeigt dass man realistische, zukunftsweisende Projekte entwickeln kann, wenn man es vermeidet nur „im eigenen Saft zu schmoren “ und laden zum Weiterdenken ein.“

Im folgenden Link kann man die Bedeutung des Siegener Schwimmbads an ähnlichen Beispielen ermessen: Das Schwimmbad im Jugendstil