Bericht über den Vortrag ZwischenZeiten, Stadtkirche Bad Laasphe

In dem ältesten Gebäude der Stadt Bad Laasphe, der Stadtkirche, durfte der Verein für Christlich jüdische Zusammenarbeit den Vortag „ZwischenZeiten, architektonische Antworten auf erinnerte Geschichte“ von Frau Heider ausrichten.

Am Abend des 12.05. sind bis zu ca. 80 Interessierte der Einladung gefolgt. Herr Menn als vereinsvorsitzender eröffnete die Veranstaltung.

Die Veranschaulichung des philosophischen Themas „Geschichtlichkeit und Zeitlichkeit“ wurde an Hand von einem Abriss durch die kulturelle und gesellschaftliche Geschichte der jüdischen Bevölkerung und der Baugeschichte der Alten Synagoge dargestellt. Ein Zeitstrahl auf den Beamer-Projektionen erlaubte die jeweilige graphische Orientierung im Vergleich mit zeitgeschichtlichen Ereignissen. An Hand dieser Hintergründe erläuterte Frau Heider unseren architektonischen Umgang mit erinnerter Geschichte.

Christian Welter ergänzte den Vortrag mit Einblicken in die derzeit laufenden Bautätigkeiten.

Nachher gab es ausreichend Zeit für Fragen und Diskussion.

Den Abschluss bildete die Präsentation des zerlegbaren Modells im Maßstab 1:20.

Das Abstract von Frau Heider wird an dieser Stelle öffentlich:

ZwischenZeiten – Architektonische Antworten auf erinnerte Geschichte

Architektur steht immer innerhalb der Zeit – sie ist Ausdruck, Trägerin und Zeuginzeitlicher Prozesse. Besonders in Kontexten des Erinnerns, wie beim ehemaligen Synagogengebäude in Bad Laasphe, treten zwei eng miteinander verbundene, aber unterschiedliche Dimensionen in den Vordergrund: Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit.

Zeitlichkeit meint die Erfahrung von Architektur als etwas, das sich verändert, altert, überformt wird – ein fortwährender Prozess. Bauwerke speichern nicht nur Zeit, sie zeigen sie: durch Patina, Brüche, Materialveränderungen und auch durch das, was fehlt. In Orten wie der ehemaligen Synagoge wird Zeitlichkeit spürbar als eine Art räumlicher Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart – als Schichtung von Nutzungen, Bedeutungen und Erinnerungen.¹

Geschichtlichkeit beschreibt die tiefere strukturelle Verfasstheit eines Ortes als
geschichtlich geworden. Sie verweist auf die historische Bedingtheit und Verletzlichkeit des Raumes – darauf, daß der Ort nicht nur eine Geschichte hat, sondern Teil eines größeren historischen Zusammenhangs ist. Geschichtlichkeit meint die Wirksamkeit des Vergangenen im Heute: nicht als museale Kulisse, sondern als offenen, ethisch aufgeladene Frage an Gegenwart und Zukunft.²
In der kleinen Stadt Bad Laasphe in der Mauerstraße 44 steht ein ursprünglich als
Scheune gebautes Gebäude, das über drei Jahrhunderte hinweg verschiedene
Bedeutungen getragen hat. 1764 wurde es von der jüdischen Gemeinde erworben, um es als Synagoge zu nutzen. Es entstand ein Ort des Gebets, der religiösen Unterweisung und der schulischen Bildung.

Bis zur Zerstörung der Gemeinde durch den nationalsozialistischen Terror prägte fast 200 Jahre jüdisches Leben diesen Raum. In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Inneneinrichtung zerstört, die Thorarollen verbrannt. Das Gebäude selbst blieb nur aus Angst vor einem Übergreifen der Flammen auf Nachbarhäuser erhalten. Nur kurze Zeit später wurde es zur Schlosserei umgebaut und bis ins Jahr 2000 als solche genutzt.

Heute soll dieser Ort zu einem Raum der Erinnerung, der Begegnung und des Lernens werden. Wie gehen wir mit einer solchen Geschichte architektonisch um?
Was bedeutet es, einen Ort zu gestalten, der zugleich sakral und entweiht, belebt und verletzt, vergessen und überformt wurde? Wie kann Architektur in einem solchen Kontext antworten? Welche Fragen muss sie stellen, aushalten, zuhören.

In meinem Vortrag nähere ich mich diesen Herausforderungen aus einer fragenden, suchenden architektonischen Haltung. Ich verstehe den Ort nicht nur als Raum im physischen Sinn, sondern als Träger einer vielschichtigen Metaphysik: aus Erinnerung, Abwesenheit, Verletzung und möglicher Zukunft. Dabei geht es nicht um die endgültige Form, sondern um das Ringen um eine Haltung durch gebaute Lösungsansätze – darum, wie Architektur inmitten historischer Brüche einen Weg finden kann, der nicht glättet,
sondern ermöglicht: Begegnung, Reflexion, Verantwortung.

Fußnoten

Vgl. Juhani Pallasmaa: Die Augen der Haut. Architektur und die Sinne. Basel:
Atarapress 2013; Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen
des kulturellen Gedächtnisses. München: C. H. Beck 1999

Christian Norberg-Schulz: Genius Loci.Stuttgart: Klett-Cotta 1982; Pierre Nora:
Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt a.M.: Fischer 1990
Literaturverzeichnis

Assmann, Aleida (1999): Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des
kulturellen Gedächtnisses. München: C. H. Beck.

Nora, Pierre (1990): Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt a.M.: Fischer.

Norberg-Schulz, Christian (1982): Genius Loci:Landschaft-Lebensraum-Baukunst.
Stuttgart: Klett-Cotta.

Pallasmaa, Juhani (2013): Die Augen der Haut. Architektur und die Sinne. Basel:
Atarapress 2013

Kerstin Heider, Dipl.-Ing. Architektin, führt seit 2014 gemeinsam mit ihrem Mann das Architekturbüro tonwert in Siegen mit Projekten im Bereich Hochbau. Parallel arbeitet sie seit 2025 im Büro projektplus mit dem Schwerpunkt Denkmalpflege und Bauen im Bestand. Neben ihrer Entwurfspraxis ist sie seit 2019 Lehrbeauftragte im Fachgebiet Raumgestaltung an der Universität Siegen.