Vom Eigentümer des Gebäudes, das als Hansa Haus bekannt ist, wurden wir beauftragt die Fassade des Brillenfachgeschäfts Krönchen Optik neu zu gestalten. Das Gebäude steht in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hauptbahnhof Siegens und hatte den II. WK nahezu unbeschadet überstanden. Die Fassade des 1927 geplanten Gebäudes war in den 60er Jahren im Zeitgeist überformt worden. Die ehemals sehr hohen Fenster wurden zugemauert und mit runden Fenstern und einem Vordach versehen. Diese Fensterformate genügten als Schaufenster nicht und beeinträchtigten die Wahrnehmbarkeit des Fachgeschäftes.
Für eine einheitliche Gesamtwirkung der Fassade im Kontext der Innenstadt hatten wir beschlossen die ursprüngliche Fensterteilung wieder herzustellen.
Da die Lage der ehemaligen Fensteröffnungen nicht genau bekannt war, ergab sich eine bautechnische Herausforderung, die mit einem besonderen Verfahren bewältigt wurde.
Die langwierige Herstellung der Holzfenster musste vor Beginn der Umbauarbeiten erfolgen. Ein Aufmaß der Öffnungen war auf konventionellem Weg nicht möglich. Auf der Innenseite stand die Möbelierung des Fachgeschäfts – auf der Außenseite verhinderte das Vordach ein Aufmaß. Zusätzlich verdeckten mehrere Bauteilschichten die alten Stürze und Laibungen. Für das Aufmaß haben wir das Punktwolkenverfahren gewählt mit dem das Gebäude in Einzelpunktmessungen gescannt wurde. Vor der Aufnahme haben wir die relevanten Eckpunkt der ehemaligen Fenster nach Plausibilität gesucht und freigelegt.
Bild oben: Eine für die Messung teilweise freigelegte historische Stütze.
Bild oben: Einer von vielen freilgelegten Übergängen von Stützen und Stürzen über dem Vordach
Danach wurde die Punktwolkenaufnahme erstellt, dessen Ergebnis man nachfolgend sehen kann.
und die Daten in unserem 3D-CAD Programm eingelesen – die Abmessungen ermittelt, wiederholt überprüft und danach dem Fensterbauer zur Herstellung übergeben.
Die Umbauarbeiten konnten somit in einem engen Zeitrahmen ausgeführt werden.
Bild oben: Beginn der Abbrucharbeiten
Bild oben: wenige Tage später, der Einbau der Fenster
Die historischen Stützen mussten weitreichend überarbeitet werden . Exemplarische Bilder vom Vor-und Zwischenzustand
In dem ältesten Gebäude der Stadt Bad Laasphe, der Stadtkirche, durfte der Verein für Christlich jüdische Zusammenarbeit den Vortag „ZwischenZeiten, architektonische Antworten auf erinnerte Geschichte“ von Frau Heider ausrichten.
Am Abend des 12.05. sind bis zu ca. 80 Interessierte der Einladung gefolgt. Herr Menn als vereinsvorsitzender eröffnete die Veranstaltung.
Die Veranschaulichung des philosophischen Themas „Geschichtlichkeit und Zeitlichkeit“ wurde an Hand von einem Abriss durch die kulturelle und gesellschaftliche Geschichte der jüdischen Bevölkerung und der Baugeschichte der Alten Synagoge dargestellt. Ein Zeitstrahl auf den Beamer-Projektionen erlaubte die jeweilige graphische Orientierung im Vergleich mit zeitgeschichtlichen Ereignissen. An Hand dieser Hintergründe erläuterte Frau Heider unseren architektonischen Umgang mit erinnerter Geschichte.
Christian Welter ergänzte den Vortrag mit Einblicken in die derzeit laufenden Bautätigkeiten.
Nachher gab es ausreichend Zeit für Fragen und Diskussion.
Den Abschluss bildete die Präsentation des zerlegbaren Modells im Maßstab 1:20.
Das Abstract von Frau Heider wird an dieser Stelle öffentlich:
“ ZwischenZeiten – Architektonische Antworten auf erinnerte Geschichte
Architektur steht immer innerhalb der Zeit – sie ist Ausdruck, Trägerin und Zeuginzeitlicher Prozesse. Besonders in Kontexten des Erinnerns, wie beim ehemaligen Synagogengebäude in Bad Laasphe, treten zwei eng miteinander verbundene, aber unterschiedliche Dimensionen in den Vordergrund: Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit.
Zeitlichkeit meint die Erfahrung von Architektur als etwas, das sich verändert, altert, überformt wird – ein fortwährender Prozess. Bauwerke speichern nicht nur Zeit, sie zeigen sie: durch Patina, Brüche, Materialveränderungen und auch durch das, was fehlt. In Orten wie der ehemaligen Synagoge wird Zeitlichkeit spürbar als eine Art räumlicher Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart – als Schichtung von Nutzungen, Bedeutungen und Erinnerungen.¹
Geschichtlichkeit beschreibt die tiefere strukturelle Verfasstheit eines Ortes als geschichtlich geworden. Sie verweist auf die historische Bedingtheit und Verletzlichkeit des Raumes – darauf, daß der Ort nicht nur eine Geschichte hat, sondern Teil eines größeren historischen Zusammenhangs ist. Geschichtlichkeit meint die Wirksamkeit des Vergangenen im Heute: nicht als museale Kulisse, sondern als offenen, ethisch aufgeladene Frage an Gegenwart und Zukunft.² In der kleinen Stadt Bad Laasphe in der Mauerstraße 44 steht ein ursprünglich als Scheune gebautes Gebäude, das über drei Jahrhunderte hinweg verschiedene Bedeutungen getragen hat. 1764 wurde es von der jüdischen Gemeinde erworben, um es als Synagoge zu nutzen. Es entstand ein Ort des Gebets, der religiösen Unterweisung und der schulischen Bildung.
Bis zur Zerstörung der Gemeinde durch den nationalsozialistischen Terror prägte fast 200 Jahre jüdisches Leben diesen Raum. In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Inneneinrichtung zerstört, die Thorarollen verbrannt. Das Gebäude selbst blieb nur aus Angst vor einem Übergreifen der Flammen auf Nachbarhäuser erhalten. Nur kurze Zeit später wurde es zur Schlosserei umgebaut und bis ins Jahr 2000 als solche genutzt.
Heute soll dieser Ort zu einem Raum der Erinnerung, der Begegnung und des Lernens werden. Wie gehen wir mit einer solchen Geschichte architektonisch um? Was bedeutet es, einen Ort zu gestalten, der zugleich sakral und entweiht, belebt und verletzt, vergessen und überformt wurde? Wie kann Architektur in einem solchen Kontext antworten? Welche Fragen muss sie stellen, aushalten, zuhören.
In meinem Vortrag nähere ich mich diesen Herausforderungen aus einer fragenden, suchenden architektonischen Haltung. Ich verstehe den Ort nicht nur als Raum im physischen Sinn, sondern als Träger einer vielschichtigen Metaphysik: aus Erinnerung, Abwesenheit, Verletzung und möglicher Zukunft. Dabei geht es nicht um die endgültige Form, sondern um das Ringen um eine Haltung durch gebaute Lösungsansätze – darum, wie Architektur inmitten historischer Brüche einen Weg finden kann, der nicht glättet, sondern ermöglicht: Begegnung, Reflexion, Verantwortung.
Fußnoten
Vgl. Juhani Pallasmaa: Die Augen der Haut. Architektur und die Sinne. Basel: Atarapress 2013; Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: C. H. Beck 1999
Christian Norberg-Schulz: Genius Loci.Stuttgart: Klett-Cotta 1982; Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt a.M.: Fischer 1990 Literaturverzeichnis
Assmann, Aleida (1999): Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: C. H. Beck.
Nora, Pierre (1990): Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt a.M.: Fischer.
Norberg-Schulz, Christian (1982): Genius Loci:Landschaft-Lebensraum-Baukunst. Stuttgart: Klett-Cotta.
Pallasmaa, Juhani (2013): Die Augen der Haut. Architektur und die Sinne. Basel: Atarapress 2013
Kerstin Heider, Dipl.-Ing. Architektin, führt seit 2014 gemeinsam mit ihrem Mann das Architekturbüro tonwert in Siegen mit Projekten im Bereich Hochbau. Parallel arbeitet sie seit 2025 im Büro projektplus mit dem Schwerpunkt Denkmalpflege und Bauen im Bestand. Neben ihrer Entwurfspraxis ist sie seit 2019 Lehrbeauftragte im Fachgebiet Raumgestaltung an der Universität Siegen.„
Unsere Mitarbeiterin, Architektin Kerstin Heider, wiederholt Ihren Vortrag, den sie im Rahmen ihrer universitären Tätigkeit am 13.12.25 an der École Normale Supérieure (Teil der Sorbonne) in Paris gehalten hat, am 12.05.2026 ab 19 Uhr, in der Stadtkirche in Bad Laasphe. Der Titel „ZwischenZeiten – Architektonische Antworten auf erinnerte Geschichte“ gibt einen Ausblick auf den Inhalt. Das übergeordnete Thema der Tagung in Paris war „Zeitlichkeit und Geschichtichkeit“ .
Im Rahmen ihrer universitären Tätigkeit hält unsere Mitarbeiterin Architektin Kerstin Heider einen Vortrag an der École Normale Supérieure in Paris.
Der Vortrag bildet den Abschluss der internationalen Tagung der Société internationale pour l’architecture et la philosophie (Internationale Gesellschaft für Architektur und Philosophie (IGAP)´ UMR Pays Germaniques, CNRS/ENS-PSL Universität Siegen, Department Architektur ENSA Montpellier UPVM, LIFAM ENSA Paris-Belleville/IPRAUS). Die Tagung beginnt am 11.12.25 und endet am 13.12.25. Ihr Vortrag „ZwischenZeiten – Architektonische Antworten auf erinnerte Geschichte“ ordnet unser Projekt der Nutzungsänderung der ehemaligen Synagoge in Bad Laasphe zu einem Erinnerungs-und Veranstaltungsort in den architektonisch philosophischen Kontext der Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit ein.
Der Ort des Vortrags die École Normale Supérieure (Teil der Sorbonne):
Am 05.02.25 wurde von Ministerin Ina Scharrenbach ein weiterer Förderbescheid aus dem Fördertopf Heimatzeugnis für Zeugnisse lokaler und regionaler Geschichte übergeben. Die Übergabe erfolgte im ehemaligen Sakralraum des Gebäudes unter Teilnahme des Bad Laaspher Vereins für christlich jüdische Zusammenarbeit e.V., der lokalen Verwaltung und Politik, sowie der Presse.
Mit der Übergabe und Annahme des Förderbescheids ist der wirtschaftliche Rahmen für das Vorhaben gegeben – die Finanzierung gilt jetzt als gesichert. Möglich wurde das duch erhebliche private Spenden, den Förderzusagen des Kreises Siegen-Wittgenstein, der Stadt Bad Laasphe, der NRW-Stiftung und der Förderung aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes.
Dennoch sind private Spenden für die qualitätvolle Realisierung weiterhin sinnvoll und hilfreich.
Am 27.11.24 wurde die Baugenehmigung erteilt.
Wir haben mit der Ausführungs-und Detailplanung auf Grundlage der in Arbeit befindlichen Tragwerks-und Energieplanung begonnen. Des weiteren erarbeiten wir einen Masterplan für das Ausstellungskonzept. An dieser Stelle machen wir darauf aufmerksam, dass der Verein auf der Suche nach geeigneten Ausstellungsobjekten ist.
auch die Siegener Zeitung hat über dieses überregional interessante Ereignis online hinter der Paywall und in der Printausgabe „exclusiv“ nur für die Region Siegen Wittgenstein berichtet.
Mein Wortbeitrag zur Übergabe des Förderbescheids:
Sehr geehrte Frau Ministerin Scharrenbach, Sehr geehrter Herr Bürgermeister Terlinden, sehr geehrte Damen und Herren,
wenn man sich das Gebäude, in dem wir uns befinden, im aktuellen Zustand ansieht wird man nicht an eine Synagoge erinnert.
Das hat seinen geschichtlichen Hintergrund: Zu der Zeit als die jüdische Bevölkerung, die wahrscheinlich ehemalige Scheune, als Synagoge in Anspruch genommen hatte, war es für sie gesellschaftlich opportun sich bescheiden in der „zweiten Reihe“ des Stadtraums einzufügen.
Erst mit höherer gesellschaftlicher Anerkennung traute man sich 1871 mit dem Einbau von Rundbogenfenstern selbstbewusster aufzutreten.
Von diesem Zeitpunkt an war das Gebäude öffentlich als sakrales Bauwerk erkennbar !
In der Pogromnacht 1938 wurden die sakralen Rundbogenfenster zerstört und im Jahr darauf durch profane rechteckige Fenster ersetzt.
Für die nachfolgende Nutzung als Schlosserei wurden die Frauenemporen zurückgebaut und der Sakralraum durch den Einbau der Brandwand, neben der wir uns gerade befinden, verkleinert.
Diese seit 1939 nahezu unveränderten Eingriffe sind unwiderlegbare und somit wertvolle Beweise für die Schändung der Synagoge am konkreten Ort und das überregional geschehene Unrecht im Kontext des Holocausts.
Ursprünglich beabsichtigte der Verein die Schändung zu heilen und die Synagoge im Wesentlichen so wieder sichtbar zu machen, wie sie einmal war. Da eine Heilung der Schändung mit der teilweisen Rekonstruktion auch die Gefahr impliziert, dass man den Umbau in ferner Zukunft missverstehen und den Fakt der Schändung in Frage stellen kann, haben wir uns auf einen anderen Umgang geeinigt:
Seinerzeit zerstörte und entfernte Bauteile wie z.B. Rundbogenfenster und Emporen werden den Beweisen der Schändung in moderner und damit datierbarer Form als konkrete Gedankenbrücke gegenüber gestellt. Hierbei bleiben, beispielsweise, die Brandwand mit allen Zeitspuren, Technik und Patina wegen der offensichtlichen Authentizität genauso erhalten wie die 1939 eingebauten Rechteckfenster die von den neuen Rundbogenfenstern überlagert werden.
Diese neuen Bauteile werden keine Repliken von Verlorenem und sollen die Geschichte des Bauwerkes ablesbar und verständlich machen. Hinzu kommen den Gedanken überhöhende Gestaltungen wie das Glasgeländer der neuen „Frauen“- Empore mit den hier verewigten Namen der ehemaligen Gemeindemitglieder die sich auf diese Weise wieder vor Ort versammeln.
Dieser künstlerische Umgang geht über die gängige Denkmalerhaltung des rein materiellen Bewahrens hinaus, ist an diesem zukünftigen Erinnerungs-, Lern- und Veranstaltungsort von höchster Wichtigkeit und bringt das Bauwerk selber zum Erzählen.
Architekt Christian Welter , Bad Laasphe, den 05.02.25
Am 22.04.24 haben wir die denkmalrechtliche Erlaubnis erhalten. Den Anregungen der Denkmalbehörden Rechnung tragend hatten wir den Vorschlag weiterentwickelt. Hierdurch konnten die Belange des Denkmalschutzes und des Bad Laaspher Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. in Einklang gebracht werden.
Nun können die weiteren Schritte zur Realisierung begangen und die Planung fortgesetzt werden.
Eine weitere Hürde ist auf dem Weg allerdings noch zu nehmen: Wegen der hohen Förderzusagen muss „nur“ noch, eine im Verhältnis zur Gesamtsumme, kleinere Deckungslücke geschlossen werden. Bei dem Gesamtvolumen von rund 1,5 Mio. fehlen noch rund 135 tsd€ . Um diese Deckungslücke zu schließen hat der Verein gestern eine Crowfundingaktion gestartet:
Der überraschende Sinneswandel bei den Denkmalbehörden stellt den Verein vor eine Zerreißprobe.
– Vielleicht steht dieses überregional wichtige Projekt vor dem Scheitern-
Der Bad Laaspher Freundeskreis hat sich mit unserem gestalterischen Konzept, wo das Herausarbeiten von Geschichtsspuren und Erinnerungen, das Gebäude selbst zum erzählen bringt, identifizieren können und die ursprünglich beabsichtigte Teilrekonstruktion verworfen.
Die Schändung der ehemaligen Synagoge soll an Hand authentischer Zeugnisse der Überformung durch die Schlosserei anschaulich werden.
Die sakralen Rundbogenfenster wurden 1938 zerstört und 1939 durch profane Rechteckfenster ersetzt. Wir wollen diese Fenster, die offensichtlich seit dem Einbau nicht überarbeitet wurden, in großen Teilen mit der Patina erhalten, wie sie aktuell sichtbar ist. Diese „Beweisstücke“ werden mit modern gestalteten Rundbogenfenstern überlagert. Auf diese Weise wird an die Synagoge erinnert, ohne zerstörtes zu rekonstruieren, und die Schändung ablesbar. Darüber hinaus wird das Bauwerk als Erinnerungsort im Stadtgefüge der historischen Altstadt wahrnehmbar und erfährt die für die Nutzung erforderliche Identität.
Folgen wir der neuen bzw. revidierten Sichtweise der Denkmalbehörden sind die betreffenden Fenster unter Verlust der Zeitspuren und damit der Beweiskraft zu restaurieren. Als Teile der Gebäudehülle müssen die Holzfenster den Anforderungen an den Wetterschutz genügen. Hierfür genügt es nicht, die Fenster von außen zu überarbeiten, da eine neue Farbbeschichtung wie eine Dampfbremse wirkt – die Fenster würden verfaulen. Folglich ist eine Restaurierung unumgänglich – danach sehen die Fenster wie „neu“ aus; jeglicher Zeugniswert geht verloren.
Über den nachfolgenden Link können Sie den Beitrag der Lokalzeit Südestfalen aufrufen (Beginn 5. Minute)